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Das "vergessliche" Pferd

August 24, 2018

 

 

Manchmal steht man als Pferdebesitzer vor der Frage, wieso das Pferd ganz anders als erwartet reagiert. Warum muss ich bei manchen Themen immer wieder von vorne anfangen?

 

Auf die Frage, warum es bei einigen Pferden vorkommen kann, dass sie Geübtes scheinbar immer wieder vergessen, möchte ich hier näher eingehen.

 

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Aufsatteln und Aufsteigen

 

Beides ist je nach Tagesform immer wieder ein Abenteuer oder das Verhalten fühlt sich für euch sehr nervend und schwer nachvollziehbar an. Schließlich habt ihr es ja schon gefühlte tausend Mal gemacht.

 

Bevor ihr euch für veränderte Trainingsmethoden entscheidet,

versichert euch zuerst ob alle körperlichen Probleme sowie unpassende Ausrüstungsgegenstände als Ursache ausgeschlossen werden können.

 

Im oben genannten Beispiel gehe ich von folgenden Voraussetzungen aus:

Das Pferd ist gesund und das Equipment passt. Es hat unter Umständen unangenehme Erfahrungen gemacht, die nicht traumatischer Natur sind.

 

Nach meiner Erfahrung sind solche Verhaltensweisen häufig auf Stress zurückzuführen. Das Pferd in der beschriebener Situation ist zu gestresst und angespannt, um Informationen aus der Umwelt klar verarbeiten zu können. Häufig passiert es, dass diese Anzeichen vom Reiter fehlgedeutet oder übersehen werden.

 

Stress gehört zum Leben und ist nicht grundsätzlich als negativ zu bewerten. Nur wenn er überhandnimmt und das Denken und Handeln bestimmt, wirkt sich dies sehr ungünstig aus. Dies gilt auch für das Lernen. Wenn das Pferd unter zu großer Spannung steht, wird es am Geschehen nicht aktiv teilhaben können und der Lernprozess leidet. Es hat möglicherweise Angst vor Schmerz und das Gehirn befindet sich im Fluchtmodus. Es gibt einen Spruch dazu: „Angst macht dumm“.

 

Das vegetative Nervensystem des Pferdes hat einen starken Einfluss auf das Lernen, die Kommunikation sowie die Vertrauensbasis zwischen Mensch und Pferd. Es reguliert die Funktion der Organe und ist nicht bewusst beeinflussbar. Man unterscheidet hierbei unter anderem Sympathikus und Parasympathikus. Vereinfacht gesagt ist der Sympathikus für das Stadium der Achtsamkeit (Flucht/Kampf) zuständig, während der Parasympathikus für das Stadium der Ruhe sorgt (Verdauung, sorgt für Entspannung etc.).

 

Wer sich noch näher mit dem Nervensystem des Pferdes beschäftigen möchte, dem empfehle ich folgenden Link: www.marion-goldbach.de (Das Nervensystem und Propriozeption).

 

Wenn man Stress bei Pferden erkennen will, muss man genau hinsehen: Mimik und Gestik des Pferdes verraten viel. Hinterfrage kleine Reaktionen mit dem Ziel, dein Pferd besser verstehen zu lernen. Finde heraus, ob der Grund des Vergessens in zu viel Anspannung liegen kann. Ein Pferd muss nicht nervös tänzelnd seine Angst zeigen, es kann auch erstarren.

 

Was kann ich tun, um meinem Pferd bei Stressanzeichen zu helfen? Es geht vor allem darum, den Parasympathikus möglichst häufig zu aktivieren. Wie oben erwähnt, kann das Pferd dies nicht bewusst steuern. Daher sind wir als Ausbilder und Besitzer gefragt. Dabei ist es nicht sinnvoll, Stress möglichst weitgehend zu vermeiden. Das Pferd sollte durchaus neue Impulse erhalten und mit unserer Hilfe lernen, damit besser umzugehen.

 

Hier kommt die Aktivierung des Parasympathikus ins Spiel. Es gibt eine ganze Bandbreite an Methoden, um dies zu erreichen. Zum Beispiel:

 

  • Pausen und Entspannungsphasen während des Trainings bewusst einbauen

  • Umwelteinflüsse überprüfen (Haltung, Futter, Gesundheit, Ausbildung, Equipment)

  • Stresspunktmassage

  • Craniosacrale Therapie

  • Mineralhaushalt prüfen (Zink, Vitamin B 12, Magnesium)

  • Erhält das Pferd wirklich genug Schlaf?

  • Entspannungssignale etablieren (z.B. Kopf absenken)

 

Bitte achtet bei der Übung Kopf absenken darauf, dass ihr hier mit leichter Hand übt. Keinen starken Druck auf den Bereich des Genicks ausüben!

Auch durch falsche Anwendung eines Knotenhalfters kann sich der Stress verstärken. Wichtig ist es, stets geduldig, sanft und konsequent zu bleiben beim Stressabbau.

 

Dies alles kann dazu beitragen, dass Sympathikus und Parasympathikus im Gleichgewicht arbeiten. Es verhindert insbesondere bei sensiblen Pferden, dass der Sympathikus überaktiv wird. Dann klappt es auch mit der Merkfähigkeit besser.

 

An einem kleinen Beispiel möchte ich deutlich machen, wie ich in solchen Situationen vorgehe:

 

Zeigt das Pferd schon Stress am Putzplatz, wenn es die Ausrüstungsgegenstände hört oder sieht, beginne ich genau da. Sollte es erst auf dem Weg zur Aufstiegshilfe nervös werden, kann ich an dieser Stelle mit dem Training beginnen.

 

Kleine Anzeichen für Stress und Unsicherheit beim Pferd erkennen:

  • Ohren seitlich eng angelegt

  • Maul verkniffen

  • Schweif an gekniffen

  • Hals hoch aufgerichtet und verspannt

  • Unruhig werden

  • Schnappen nach Gegenständen(Zügel) usw.

 

Erkenne ich erste Stresszeichen unterbreche ich meine Handlung und rufe Entspannung ab. Eine Möglichkeit wäre, ich bewege mich zum Beispiel nicht weiter auf die Aufstiegshilfe zu, sondern wieder einen Schritt weit davon weg und entspanne mit dem Pferd.

 

Wenn ich genau zuhöre, fängt das Pferd bald an zu verstehen, dass es aktiv mit gestalten kann. Es bleibt in der Situation und gerät nicht in den Fluchtmodus.

 

Bei normal besorgten Pferden, die keine massiv einschneidenden Erlebnisse (Unfall o.ä.) hatten, ist ein riesiger Fortschritt meist schon in der ersten Übungseinheit erkennbar.

 

Die Bildstrecke zeigt euch das Aufsatteln und Aufsitzen an einem Pferd, welches jetzt sehr sicher bei allem erscheint. Sobald Stressoren für das Pferd hinzukommen, zeigt er Unsicherheit, bleibt dabei aber immer regulierbar und verfällt nicht mehr in alte Muster. Allerdings ist er auf Unterstützung angewiesen. Eines der von mir verwendeten Entspannungssignale ist die Hand am bzw. vor dem Widerrist. Das Pferd nimmt dies gerne an, wie auf der Bildstrecke zu erkennen ist.

 

Einige Stressanzeichen, die er jetzt noch zeigt, akzeptiere ich. Der zu kurze Sattelgurt und die fehlende Schabracke könnten dazu ein wenig beigetragen haben. Deshalb bin ich im vorliegenden Fall nur für die Fotos aufgestiegen und habe dem Pferd versprochen, erst zu reiten, wenn ich einen passenden Sattelgurt incl. Schabracke anlegen kann. ;-)

 

Auf der folgenden Bildstrecke ist das Pferd am Anbinder mit Safety Release angebunden. Das ist nur, aufgrund intensiver Übungen und einem sicheren Vertrauensverhältnis, mit einem Augenzwinkern vertretbar. Bitte übt immer frei stehend am besten mit einer Hilfsperson.

 

Hier zu Beginn eine Blickschulung.

Auf diesem Bild wird der Wallach mit einem unbekannten Gegenstand konfrontiert. Deutlich drückt er sein Unbehagen und seine Unsicherheit aus. Die Ohren liegen seitlich, das Maul ist verkniffen und auch um die Augenpartie, zeigt er zu große Spannung. Er hat ebenfalls die Tendenz zum Ausweichen. Das linke Vorderbein wird schon angehoben. Diese Zeichen sollten wahrgenommen werden. Noch ist dieses Pferd bereit in der Situation zu bleiben und zu kommunizieren. Verlangen wir jetzt vom Tier deutlich mehr, könnte es schnell überfordert sein und sich dann aus der Situation beamen. Manche erstarren und lassen vieles über sich ergehen, andere verlieren schneller die Contenace und reagieren mit Flucht oder auch Abwehr. Ein effektives Lernergebnis würde ausbleiben und eine Vertiefung des Vertrauensverhältnisses wird behindert.

 

 

 

Hier kann man eine größere Akzeptanz erkennen. Bei sehr sensiblen Pferden, beende ich an so einem Punkt die Einheit. Robusteren Pferden gönne ich eine Pause und wir gehen einen weiteren Übungsschritt voran. Ich habe immer Zwischenziele im Kopf und lasse mich nicht vom Endziel gefangen nehmen.

 

Zum Aufsatteln:

Ich habe Momentaufnahmen gewählt, in den das Pferd noch auffällige aber meist keine besorgniseregenden Reaktionen zeigt. Nur unter Beachtung, dass es gesund ist und dieses Verhalten nicht aufgrund von Schmerzen gezeigt wird, kann ich fortlaufend üben. Ebenso mit dem Augenmerk darauf, dass ich diese Reaktionen richtig deute und adäquat reagiere. Manches kann ich ignorieren, anderes muss ich akzeptieren oder einen Schritt zurück gehen oder auf der bisherigen Stufe ein Stück verweilen. Wann ich was wähle, hängt davon ab wie gut das Pferd in der Situation bleiben kann.

Hier weicht das Pferd vom Sattel weg (in diesem Fall war es gewünscht). Wäre das Pferd sehr aufgeregt und ängstlich, würde ich schon hier unterbrechen und das Annähern mit dem Sattel positiv aufbauen.

 

Da das Pferd gut ansprechbar bleibt, nehme ich seine Mimik als Hinweis, dass er noch nicht seinen vollkommenen Frieden mit dem Aufsatteln geschlossen hat. An diesem Punkt gehe ich mit Routine und wenig Fokus auf seine Unsicherheit weiter.

 

 

Auf diesem Bild sieht man eine entspanntere Halspartie. Das Glück steht ihm noch nicht ins Gesicht geschrieben. Ich registriere dies,  gehe allerdings nicht darauf ein. Im Gegenteil ich bin selbst unbeschwert und verbreite gute Laune :-). 

 

 

Was der Sattelgurt bei ihm für Gefühle auslöst, ist unschwer zu erkennen. Das nehme ich in jeder Hinsicht ernst. Magenprobleme sind bei solchem Verhalten sehr oft zu finden. Bei ihm ist es kein Magenproblem, sondern sein Schmerzgedächtnis macht uns hier einen Strich durch die Rechnung. Bitte lasst euer Pferd immer vom Tierarzt checken. Schmerz wird sehr häufig fehlgedeutet. 

 

 

Das Auftrensen ohne Mützchen ist eigentlich schöner, meint er ;-).

 

 

Der Weg zur Aufstiegshilfe war früher ein Problem. Sollte es doch einmal zu etwas Stress kommen, kann ich ein kurzes Hallo mit Stallkollegen einbauen und meinen Entspannungsgriff am Widerrist ganz nebenbei nutzen. Ich beachte diesen kleinen Anflug von "ich könnte in Angst geraten" nur insoweit, dass ich ihm eine kurze Möglichkeit zur Entspannung biete. Ich unterstütze ihn eher beiläufig.

 

 

Danach geht es geradewegs zur Aufstiegshilfe, immer mit der Möglichkeit, dass er den Kopf zwischendurch absenken kann. Das macht er mittlerweile schon ungefragt.

 

Jeder einzelne Teilschritt, wie zum Beispiel das Herantreten an die Aufstiegshilfe, wurde einzeln in der Vergangenheit aufgebaut und erst dann weiter gegangen, als er relativ entspannt mitmachen konnte.

 

Bevor ich den Fuß in den Steigbügel setze, sollte er ruhig und entspannt stehen.

 

Früher kam es ab dem Punkt, wenn ich meinen Fuß in den Steigbügel setzte zur Eskalation. Daher verwende ich auch heute noch unmittelbar beim Aufsitzen mein Entspannungssignal: den Griff zum oder vor den Widerrist.

 

Beim Aufsteigen nutze ich die Aufstiegshilfe: eine Hand vor den Sattel am Mähnenkamm, die andere über den Sattel auf die in diesem Fall rechte Seite, der Fuß vom Bauch weggedreht. Ich achte ebenfalls darauf, dass das Pferd von beiden Seiten das Aufsteigen lernt.

 

 

Für mich ist es in Ordnung, wenn das Pferd den Kopf beim Aufsteigen etwas höher nimmt. Er braucht mehr Stabilität, die er so einfach besser gewährleisten kann.

In Zukunft kann ich mein linkes Bein ein bisschen entspannter hängen lassen ;-).

Passt euer Pferd im Größenverhältnis besser zur Aufstiegshilfe, dann könnt ihr auch ohne Steigbügel in den Sattel gleiten.

 

 

Nach dem Aufsitzen nutze ich nochmals den Griff zum Widerrist und wie schön zu erkennen ist, nimmt er es dankbar an. Die Zügel lasse ich so locker wie möglich und nehme sie nur so weit auf wie nötig. Der Hals sollte beim Aufsteigen genauso als Balancierstange genutzt werden können, wie sonst auch. Gut, wenn das Pferd dabei relativ gleichmäßig, das Gewicht auf alle vier Beinen verteilt hat.

 

 

Nach dem Absatteln zeigt er wiederum leichte Stressanzeichen: es ist ein für ihn typisches Unbehagen, wenn er einfach zu lange auf sein wohlverdientes Futter warten muss ^^.

Watte ist ein Pferd, das schnell innerlich in Stress gerät, selbst bei nur kleinen Dingen. Dies muss ich im Alltag beachten. Trotzem stelle ich ihm regelmäßig Aufgaben, die ihn immer wieder mit Neuem oder auch Unbehaglichem konfrontieren. Ansonsten droht die Gefahr, dass seine Komfortzone immer kleiner wird. 

Wir wollen keinen Stress vermeiden, sondern mit Stress umgehen lernen. Habt ihr auch ein sehr sensibles Pferd, ist Gelassenheitstraining erst richtig effektiv, wenn ihr den Parasympathikus aktiv haltet.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Trainung und gutes Gelingen!

 

 

 

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